Söder kann Kanzler

Dieser Artikel ist in der Reihe Was Deutschland bewegt der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-20 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Söder kann Kanzler
Wie man sich für Höheres qualifiziert

Systematischer Katalog: 
Länder & Abkommen: 

Söder kann Kanzler
Wie man sich für Höheres qualifiziert

Mit Anbeginn der Corona-Pandemie gibt Söder den entschlossenen Macher – einfach, indem er immer da ist. Ganz und gar nicht auf ein höheres Amt erpicht und schon gar nicht auf die eigene Karriere, sitzt er als Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz an der Seite der Kanzlerin und macht immer erst als Zweiter sein Maul auf, was zeigt, dass er nicht aus der Reihe tanzt, sondern dem großen Ganzen dient. Dadurch, dass er an einem strengen Lockdown-Regime festhält, meint, was er sagt – Was ich sage, meine ich ernst (BamS, 2.8.20) –, und glatt macht, was er sagt, erweist er sich als konsequent. Und wenn er entgegen dem von ihm geforderten gemeinsamen Vorgehen vorprescht, demonstriert er Tatkraft. Was durch die Tatsache unterstrichen wird, dass der Rest des Führungspersonals der Republik nachzieht. In dem Maß, wie die Pandemie beherrschbar wird, gewinnt er zusätzlich an ‚Format‘ – bei allen, die sich nicht in die Sache, umso mehr aber in die Auswahl der sie exekutierenden Figuren einmischen; also ziemlich flächendeckend.

Er ist in der Öffentlichkeit und den Medien omnipräsent, hat also etwas zu sagen. Damit verkörpert er Bedeutsamkeit und Sachverstand. Noch vor kurzem als von Machtgeilheit getrieben verschrien, schiebt er sich jetzt mit Zurückhaltung in den Vordergrund. An dieser ostentativen Bescheidenheit sieht man – gerade im Kontrast zu der in der Anfangsphase seiner Karriere bevorzugten Rabaukentour – die Reife des erst 53-Jährigen. Dass alle Welt diese Imagepflege als berechnend durchschaut, schadet nicht, sondern fügt dem erwünschten Gesamteindruck die Facette der Raffiniertheit hinzu: Wer, schlau wie er, alle Register zieht, beherrscht sein Metier.

Diese Souveränität blitzt auch auf, wenn er den Qualitätsmaßstab für einen zukünftigen Kanzler vorgibt: Nur wer Krisen meistert, wer die Pflicht kann, der kann auch bei der Kür glänzen. In dem Maß, wie der Ruf nach seiner Kandidatur aus dem Wald herausschallt, macht er sich klein und erinnert pflichtbewusst daran, dass sein Platz in Bayern ist. Solange er die Ambition zur Kanzlerschaft nicht offiziell anmeldet, weist er die immer gleiche Frage danach nicht genervt zurück, sondern dementiert sie und hält sich so im Gespräch. Diese Heuchelei spricht für sein politisches Geschick, und darauf kommt es nicht so sehr im höchsten Amt an, in dem die Sache der Nation fix und fertig vorliegt, umso mehr aber beim Ausbooten der Konkurrenten um es.

Bei aller geheuchelten Bescheidenheit hat er Größe. Die darf die Menschheit, die seine Vollendung als zum Führen berechtigte Ausnahmeerscheinung begutachtet, mit dem Auftritt im Schloss Herrenchiemsee erleben. Da saß kein gnadenloser Angeber mitsamt einer Kabinettsstaffage im Spiegelsaal, sondern ein Regent mit Strahlkraft, weit über die Landesgrenzen hinaus. Er schiebt sich in eine königlich-bayrische Kulisse und punktet für sich: Mein Schloss, mein Chiemsee, mein Bayernland – wer so viel für sich auffahren kann, ist wer für mehr.

In der Sicherheit, dass nichts als die gelungene Darstellung den Ausschlag dafür gibt, wer als Kanzler ‚qualifiziert‘ ist, präsentiert Söder sich den Konkurrenten und möglichen Verbündeten im christdemokratischen Verein, den professionellen Begutachtern der Öffentlichkeit und nicht zuletzt dem Wahlvolk. Dieses darf in einer Demokratie schließlich entlang der von Machtmenschen gestifteten Glaubwürdigkeit entscheiden, wer der Beste für die feststehende Sache ist, die damit gleich auch noch in ein gutes Licht gerückt wird.


© GegenStandpunkt-Verlag.