Der Präsident der Weltmacht schwört aufs Proletariat!

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Was für eine Überraschung
Der Präsident der Weltmacht schwört aufs Proletariat!

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Der Industriearbeiter ist eine aussterbende Gattung: Gehört das nicht zu den Errungenschaften genau des modernen Kapitalismus, der schon längst, von Amerika ausgehend, die Arbeitswelt auf saubere Dienstleistungen als eigentliche Geldbringer umgestellt und den das Silicon Valley in diesem Sinne überhaupt neu erfunden hat? Ausgerechnet der Präsident der USA sieht das ganz anders.

Was für eine Überraschung
Der Präsident der Weltmacht schwört aufs Proletariat!

Dabei gibt es das doch eigentlich gar nicht mehr. Der Industriearbeiter ist eine aussterbende Gattung: Gehört das nicht zu den Errungenschaften genau des modernen Kapitalismus, der schon längst, von Amerika ausgehend, die Arbeitswelt auf saubere Dienstleistungen als eigentliche Geldbringer umgestellt und den das Silicon Valley in diesem Sinne überhaupt neu erfunden hat? Ausgerechnet der Präsident der USA sieht das ganz anders. Einen fulminanten Wahlkampf lang bescheinigt er dem Land, das er regieren will, einen nicht auszuhaltenden ökonomischen Niedergang und macht seine Elendsbilanz am Dahinschwinden von Jobs für Amerikas unvergleichlich tüchtige Arbeiter in so großartigen Branchen wie Kohleförderung und Stahlherstellung fest; leichtsinnig oder böswillig ans konkurrierende Ausland verschleudert von unpatriotischen Büro- und Technokraten. Und umgekehrt präsentiert er schon im dritten Jahr seiner Präsidentschaft eine nationale Erfolgsbilanz, die vor allem mit der Wiedergewinnung von Jobs für Amerikas proletarische Helden der Produktion aufwartet, denen kein Chinese oder Indio das Wasser reichen kann.[1]

Ob in der Bilanz alle Zahlen stimmen – darauf kommt es wirklich nicht an. Vielmehr darauf, dass der Chef der Weltmacht deren ökonomischen Welterfolg voll und ganz mit der einen Botschaft gleichsetzt: der frohen Botschaft von der Wiederauferstehung des unvergleichlichen amerikanischen Proletariats. Deren Richtigkeit hängt nicht von irgendwelchen Statistiken ab. Trumps Wahrheitsbeweis ist moralischer Natur. Der Präsident führt ihn mit der moralischen Zurückweisung jeglichen Zweifels: Wer vom amerikanischen Proletariat etwas anderes denkt, als dass es in jeder Hinsicht das tüchtigste, am besten aufgestellte, folglich erfolgreichste Proletariat der Welt ist, der macht sich der Verachtung dieses Menschenschlags und seiner unvergleichlichen Qualitäten schuldig. Wer von ihm etwas anderes wissen will als seine von keinem Konkurrenten erreichte Großartigkeit, der will es schlecht machen und überführt sich damit selbst des Verbrechens antipatriotischer Böswilligkeit. Wer im Jahr 3 der Trumpschen Regentschaft an Amerikas Working Class so etwas wie Elend im Sinne von sozialer Hilfsbedürftigkeit entdeckt, der disqualifiziert sich als Nestbeschmutzer. Denn – das ist der harte Kern der Botschaft, der die Erfolgsbilanz des Präsidenten über jeden Zweifel erhebt –: In einem so großartigen Nest wie den von ihm regierten Vereinigten Staaten von Amerika kann gar niemand anders heimisch sein als ein genau so großartiges Volk von Eingeborenen, die das unbedingte Recht haben und dieses Recht auch freudig wahrnehmen, sich selbst für das großartigste Volk der Welt und ihr Nest für die unvergleichlichste aller Heimaten zu halten.

Die Renaissance des amerikanischen Proletariats ist ein ideeller Klassenkampf von oben: ein moralisches Geschenk der Herrschaft an alle, die bereit sind, es entgegenzunehmen. Jobs, ja, die gehören auch dazu, soweit es sie gibt, und in der Realität eben die, die es gibt; aber vor allem die, an die der patriotische Amerikaner glaubt, und zwar deswegen ganz fest glaubt, weil kein geringerer als der Präsident der Nation „unter Gott“ denen, die einen Job brauchen, das unzweifelhafte Anrecht zuerkennt, sich selbst für das zu halten, was zu sein er ihnen im Namen der Nation bescheinigt: großartig!

Ein echtes Geschenk ist das, weil es vom richtigen Absender kommt: vom obersten Chef, der es schließlich wissen muss. Von einem Präsidenten, der erstens über die strategisch, politisch, militärisch, ökonomisch, sittlich, ach: überhaupt die mit weitem Abstand stärkste Staatsmacht der Welt gebietet; und der zweitens als Person den unbedingten Vorrang dieser Macht mit bislang kaum je erreichter Drastik nicht bloß repräsentiert, sondern vorführt und auslebt, als wäre sie sein privater Besitz und sein persönliches Genussmittel. Letzteres ist deswegen ganz entscheidend, weil genau dadurch das, was sonst bloß ein Kompliment ans Volk wäre, zum persönlichen Geschenk an alle wird, die bereit sind, es entgegenzunehmen: Jeder Anhänger, jede Anhängerin ist eingeladen, sich per Begeisterung für den Mann ganz unmittelbar mit Trumps Stolz auf sich und seine Macht zu identifizieren. Wer ihm zujubelt, nimmt dadurch teil an der Großartigkeit der Nation, die in der Person des Chefs, in seiner über jede Kritik und jede Anfechtung, über jede Ablehnung und erst recht über jede Ironie erhabenen Hybris Gestalt annimmt. Trumps offensive Unverschämtheit, über Twitter unmittelbar publik und fühlbar gemacht, offenbart nicht einfach seinen privaten Charakter, sie ist seine politische Charakterstärke: Mit seinen Auftritten steht er dafür ein, dass es tatsächlich nichts gibt, woran Amerika sich blamieren könnte, wofür irgendein echter Amerikaner sich womöglich schämen müsste – weshalb alle unechten Amerikaner, nämlich die, denen bei Trumps Auftritten nicht das patriotische Herz höherschlägt, sich ganz heftig schämen müssen.

Dieses Geschenk – damit es überhaupt als etwas Schönes wahr- und entgegengenommen wird – hat eine Voraussetzung und trifft offenbar auch weithin auf die eine nötige Voraussetzung: Trump bedient – baut also auf – ein tief empfundenes Bedürfnis, auf die Großartigkeit der Nation, vor allem aber auf sich als Teil dieser Nation stolz sein zu können. Nicht auf Zufriedenheit, auf Happiness, ein genussreiches Leben oder dergleichen wird das patriotische Publikum angesprochen, sondern auf die Vorstellung, zu Amerikas Größe einen Beitrag geleistet zu haben, den, wenn schon sonst niemand, dann umso mehr man selber spürt, und nun endlich einmal als Beitrag zur großartigen vaterländischen Sache von ganz oben gewürdigt zu werden. Das ist die proletarische Menschenwürde, die Trump seinen Anhängern spendiert. Nicht Erfolg, sondern Anstrengung in der Alltagswelt der Konkurrenz mit all ihren Begleiterscheinungen; unverdrossenes oder auch verdrossenes, deswegen aber nur umso intensiveres Bemühen um Erfolge, großartige natürlich, im Leben, das ein Kampf ist, für den man nicht bloß ein Gewehr, sondern das Recht auf eine Waffe hat; praktisch bewiesene Lebenshärte: das ist die Lebenslage und macht das lebendige Selbstbewusstsein aus, auf die Trumps Angebot zur Teilhabe am Genuss amerikanischer Großartigkeit zielt. Oder andersherum: Großartiger Amerikaner mit Recht auf Stolz zu sein, das ist kein Zuckerschlecken, sondern harte Arbeit; Arbeit, die nichts und niemand so direkt und so anschaulich verkörpert wie das nostalgische Idealbild des harten Kohlekumpels oder Stahlwerkers; klassenkämpferischer Nippes wie aus dem Bilderbuch des realsozialistischen Proletkults: Das ist der Inhalt der moralischen Renaissance, die der Präsident dem Proletariat seines Landes spendiert. Es ist die Härte seines Lebenskampfes, verfälscht zum verkitschten Idealbild produktiver Werktätigkeit, die den patriotischen amerikanischen Arbeiter in ein und demselben Akt falschen Bewusstseins die Großartigkeit seiner Nation und die Großartigkeit seines Beitrags dazu spüren, erleben und von Trump als Rechtstitel auf Stolz bestätigt finden lässt, reihum immer eins durchs andere.

Das ist es, worauf der Chef der Weltmacht schwört, wenn er den amerikanischen Proletarier beschwört: Es ist die Dummheit des Stolzes auf die Arschkarte im kapitalistischen Konkurrenzbetrieb, vom Befehlshaber der Supermacht der Konkurrenz als empfundene Identität mit deren Welterfolg gewürdigt, in Szene gesetzt und den Anhängern als unbedingtes Anrecht auf patriotische Unverschämtheit übereignet.

[1] Beispielhaft Trumps Rede in Orlando:

Since the election, we have created six million new jobs. Nobody thought that would be possible... We have lifted more than six million Americans off of food stamps and we’re getting off of welfare and back into the workforce and they’re so happy... The unemployment rate is the lowest rate it’s been in over 51 years, think of that... These are incredible numbers. And today, right now, as we speak, almost 160 million people are working, that’s more than ever before, it’s the first time ever, the number of people is almost 160 million and we’re going to be breaking that number soon. Women filled 60 % of the new jobs created last year and women’s unemployment is now the lowest it’s been in 74 years. Wages are rising at the fastest rate in many decades, and really what’s nice is they’re rising the fastest for the lowest income Americans... It’s been an incredible story... Great job. To get relief to working families, we passed the largest package of tax cuts and reforms in American history, the largest... Our record-breaking regulatory reduction campaign has saved every American household an average of $3,000 per year, and we’ve ended the last administration’s cruel and heartless law on American energy... The United States is now the No.1 producer of oil and natural gas anywhere in the world...We are reversing decades of calamitous trade policies. When I came into office, we inherited one of the worst trade deals ever negotiated, the Trans-Pacific Partnership... TPP would have dealt the death blow to the US auto industry, which, by the way is doing great. Many, many plants are now under construction in Michigan and Ohio, Pennsylvania, North Carolina, South Carolina, Florida, they hadn’t built one in decades and now they’re all over the place... And we’re replacing the NAFTA disaster with the brand new USMCA... That will create at least 75,000 new jobs for American auto workers and give a massive boost to our farmers and ranchers, and growers all across the Sunshine State... Thanks to our tariffs, American steel mills are roaring back to life... In the eight years before I took office, on average, we lost two thousand manufacturing jobs a month. Since my inauguration, we’ve added 16,000 manufacturing jobs a month. That didn’t happen by accident. Remember the statement from the previous administration you’d need a magic wand to bring back manufacturing. Well, we’ll tell sleepy Joe that we found the magic wand.


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