Klassenbewusstsein von rechts

Dieser Artikel aus der Reihe Was Deutschland bewegt ist eine Vorabveröffentlichung aus der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-20 , die am 19.06.2020 erscheint.

Der Lockdown zieht sich in die Länge: Pandemie VIII.
Klassenbewusstsein von rechts

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Je länger die Coronakrise andauert, desto lauter wird die Kritik an den von den Regierungen ergriffenen Maßnahmen.

Der Lockdown zieht sich in die Länge: Pandemie VIII.
Klassenbewusstsein von rechts

Je länger die Coronakrise andauert, desto lauter wird die Kritik an den von den Regierungen ergriffenen Maßnahmen.

1.

Dabei sticht aus dem allgemeinen Bedauern über das stillgelegte gesellschaftliche Wirtschafts-, Kultur- und Familienleben die Kritik zweier deutscher Oppositionsparteien heraus: Ausgerechnet Lindners Liberale, die sich dezidiert als die Partei der besserverdienenden Steuerzahler beliebt machen, und die AfD, die sonst in jedem Proleten den entrechteten Volksgenossen entdeckt, machen bei Gelegenheit oppositionell kämpferisch darauf aufmerksam, dass der verordnete Seuchenschutz ökonomisch keineswegs alle Betroffenen gleichermaßen betrifft. Sondern vor allem die ‚kleinen Leute‘, die es sich überhaupt nicht leisten können, auch nur einen Tag von ihrer Arbeit wegzubleiben – wenn sie überhaupt das Glück haben, eine zu haben. Diejenigen, die darauf angewiesen sind, tagtäglich als Lohnabhängige für die Geschäftsinteressen ihrer Arbeitgeber resp. als ‚Solo-Selbständige‘ – moderner Ausdruck für eine moderne Variante stolzer Tagelöhner – für dasjenige ihres Auftraggebers zu arbeiten. Der Shutdown trifft die Leute nicht als ‚das Volk‘, nicht als ‚den Bürger‘ – geben ausgerechnet liberale Bürgeranwälte und illiberale Volksfreunde zu bedenken –; er trifft auf eine Klassengesellschaft und schadet deren Mitgliedern sachgerecht unterschiedlich.

Das ist doch mal ein interessanter Beitrag zur Volksgesundheit!

2.

Mit dieser Kritik hat Deutschlands rechte Opposition ihr großes Vorbild im Präsidenten der Vereinigten Staaten vor sich. Der muss sich nicht aufs Schlechtmachen der Regierungsarbeit beschränken, sondern ruft vom Amtssessel aus seine verarmten weißen Arbeiter in Michigan und anderswo zur Freiheitsrevolution gegen die von ihm und seinesgleichen über das Volk verhängten Ausgangssperren auf. So trägt Mr. Trump nicht nur die Klarstellung bei, dass auch er eine Klassengesellschaft regiert, von der große Teile nicht erst jetzt, aber jetzt eben erst recht, mit einem Bein im Elend stehen; mit dem Ruf nach Befreiung im Namen dieser Not wird deutlich, welchen Inhalt die Freiheit hat, die er seinem geliebten Volk wieder verschaffen will: Sie besteht in der Lizenz, den notwendigen Lebenskampf wieder aufzunehmen, and that’s it.

3.

Und die so von oben Be- und Angesprochenen?

In Amerika kämpfen sie mit Trump-Cap und unter Wahrnehmung ihres heiligen Verfassungsrechts auf Bewaffnung gegen eine demokratisch-elitäre Elite, die das amerikanische Volk einsperrt, während sie es sich im Home-Office bequem macht und eine angebliche Seuche abwartet. In jedem Fall ein Gesundheits-Luxus, den sie sich jedenfalls nicht leisten können: Sie müssen schließlich raus, arbeiten gehen, für sich und ihre families.

In Deutschland haben die Arbeiter zwar einstweilen keinen so charismatischen Führer, der für ihr Recht eintritt; und entsprechend finden sich auch am 1. Mai keine lohnabhängigen Massen auf den Hygiene-Demos ein. Aber sie sind natürlich trotzdem heilfroh und tun das auch gerne medienwirksam kund, wenn es mit der Arbeit endlich wieder losgehen kann und die Bänder in Zwickau und anderswo wieder anlaufen. Weil sie von ihrer Arbeit in fremden Diensten leben müssen, fordern sie ein, das auch zu dürfen, sehen sich jedenfalls bedient, wenn sie sich als Knechte des Profits wieder nützlich machen können: Sie bekennen sich zu der schäbigen Rolle, die sie in der Gesellschaft spielen und unter der sie in Corona-Zeiten ganz besonders leiden.

So viel Standesbewusstsein seitens der nützlichen Idioten gehört zu einer veritablen Klassengesellschaft eben mindestens dazu.


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