MSZ 1981 Ausgabe 5
Stichwörter: brd » Opposition » Friedensbewegung

WOODSTOCK IM HOFGARTEN

All we are saying is give peace a chance!

Happy waren sie alle, die 300000 auf und um die Hofgartenwiese, ein "ungeheuer duftes Gefühl", mit so vielen zusammenzusein, die "vor allem das Gleiche fühlen", wie eine Demonstrantin es hinterher im Jugendfunk dem Reporter erzählte: "Das kam von innen heraus, nicht nur mit dem Kopf, verstehst du!" Dabei sein war alles, und indem man dabei war und sonst weiter nichts - "da wurde nichts politisiert", meinte ein Teilnehmer: wie man sich doch täuschen kann -, wurde der Erfolg der Demo erreicht, und das war Erfolg genug, für die große Mehrheit. Das merkte man vor allem bei den Reden: Während in Woodstock die Stimmung vom Podium gekommen sein soll, hat ein Großteil in Bonn die Redner nicht einmal gehört. Bei denen, die was verstanden, hielt sich das Mitgehen in den Grenzen fast schon höflich-pflichtgemäßen Applauses. Leben ins Volk kam ein bißchen bei Böll, und so richtig munter machte die Leute eigentlich nur Harry Belafonte mit seiner Versicherung, Herrn Reagan zu erzählen, mit der Neutronenbombe wär's wohl nichts. Bereits der Sternmarsch aur Schlußkundgebung hatte Prozessionscharakter: Trotz ständiger Versuche, Sprechchöre anzuleiern, blieb die Resonanz gering. Die Friedensbewegung war zu ergriffen durch die ständigen Meldungen, wie unheimlich viele sie seien. So versicherte man sich auf den Transparenten vor allem, wer man sei, der da auch mitginge. Vereine, Sportgruppen, Schulklassen führten sich selbst auf und vor. Für Buntheit in den Marschsäulen sorgte vor allem die DKP: Erscheinungsbild ihrer Truppe vorwiegend blau-weiß mit Friedenstauben und zahlreichen Sandwich-Männern, deren Plakate gelesen wurden, weil sie sich soviel Mühe gemacht hatten. Ein riesiges Transparant des "Arbeiterbundes für den Wiederaufbau der KPD" fast über die gesamte Fläche des Hofgartens hinweg mit dem in dieser Szene unerwünschten und auch sonst nicht mehr gehörten Spruch: "Der Hauptfeind steht im eigenen Lande, es ist der deutsche Imperialismus" wurde bestaunt, aber durchaus toleriert, weil die meisten jungen Leute meinten, das richte sich wohl gegen die CDU und die Rüstungsindustrie. (Lustigerweise gab ein vom "Arbeiterbund" verteiltes Flugblatt dieser Auffassung durchaus recht.) Sonst gab's noch die schwarz-rot-goldenen Fahnen von den "Verfolgten des Naziregimes", friedlich vereint mit etlichem roten Tuch, das allenthalben der Präsenz von "K-Gruppen" zugeschrieben wurde. Mit denen wollte aber keiner gerne ins Gespräch kommen, weil "die das da doch nur ausnutzen wollen". Bis sich die Hofgartenwiese auffüllte und die Kundgebung begann, verstrichen ein paar Stunden. So gab es reichlich Gelegenheit, sich gegenseitig mit Beifall zu bedenken: Größten Erfolg verbuchten hier die Ausländer (England, Holland) und Soldaten in Uniform mit dem Spruchband "Soldaten gegen Raketen". Diese selbstlose Radikalität, mit der die Bedienungsmannschaft gegen ihr Gerät auftrat, stieß auf große Begeisterung, während eine Abordnung der Moon-Sekte, die als "Friedensbewegung" für noch mehr Raketen manifestieren wollte, von den Ordnern aufs Sanfteste abgedrängt wurde. Helmut Kohl hetzte tags darauf gegen eine "alternative Subkultur" und tat damit der Demonstration geradezu lächerlich unrecht: Anwesende Punker, Rocker, Maskierte und diverse Verrückte wurden allgemein bestaunt, und erfreut durfte man registrieren, daß auch "die" vom Frieden ergriffen worden sind. Fast schon obligatorisch für die Friedensbewegung die Zurschaustellung personalisierter Unschuld : Kein einziges Kleinkind durfte da an diesem kalten Samstag im Bett bleiben, und insgesamt zählte man wohl mehr Kinderwagen als Busse. Daneben war es den ausgesucht jungen Polizisten fast schon peinlich, wie liebevoll ihnen mitgespielt wurde: Keiner kam ohne Blumen davon. Die Bonner Bevölkerung hätte sich jeglicher Solidarisierung durch Emigration aus der Innenstadt entzogen. Ihr von der Geschäftswelt repräsentierter Anteil demonstriert nackte Feindseligkeit: Verrammelte Geschäfte, als würde tatsächlich jene Bürgerkriegsarmee heranwalzen, vor der sie ihre christlichen Stadtväter gewarnt haben.

Nach Epplers Auftritt war die Luft aus der Kundgebung raus. Massenweise begann die Abwanderung, allerdings sehr beschwingt. Auch ohne Alkoholika (Friedensfreunde trinken Milch, und der versammelte "Antiamerikanismus" führte noch Tage später zu Coca-Cola-Engpässen im Raum Bonn) war man fast besoffen vor Genugtuung: "Mann, so viele Leute und alles friedlich!" Während die ersten schon freiwillig mit dem Aufsammeln des Abfalls begannen, distanzierte sich Erhard Eppler noch von einem unverhüllten Antrag der "grünen" Petra Kelly, er solle sich doch an die Spitze einer neuen Partei aus der Bewegung setzen. Auf seinen Wunsch erklärt die Leitung, Eppler wolle keinesfalls Bundeskanzler werden.

Heinrich Böll, schon arg zerknittert, mahnte am Schluß noch einmal inständig zur Friedfertigkeit. Wer's hörte, nahm's nicht als Aufforderung, sondern als Bestätigung, und so war es wohl auch gemeint. Neben Eppler und dem Harry ohne Guitarre erhielt der alte Mann mit der Baskenmütze den wärmsten Applaus, auch und vor allem, als er an seinen "Freund Sacharow" erinnerte, den er als "Erscheinung des Friedens" bei einsetzendem Regen über die Versammlung niederkommen ließ.

Das Einzige, was die Demonstranten an diesem Tag bedauerten, war sein Ende. In der Innenstadt gab es in den Abendstunden Versuche, dagegen anzutanzen. Für die meisten war allerdings der Zug schon abgefahren. In den überfüllten Abteilen der Züge und im Bus auf der Autobahn erzählte man sich schon die ersten Nachkriegsgeschichten nach dem Motto: ‚Weißt du noch, wie wir damals vor dem Krieg alle nach Bonn gefahren sind...'


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