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GegenStandpunkt
Politische Vierteljahreszeitschrift
Die Redaktion bietet eine regelmäßige Gelegenheit zur
politischen Diskussion. Themen sind Innen- und Weltpolitik, Wirtschaft
und Geistesleben; ferner Artikel, die in der Zeitschrift
GegenStandpunkt erschienen sind.
jeweils Donnerstag, 20:00 Uhr
Vortrag mit Diskussion
Donnerstag, der 18. September 2008,
20:00 Uhr
Festsaal des K4 im Künstlerhaus, Königstr. 93, Nürnberg.
Der russische Krieg in Georgien und die Antwort des Westens
Die Welt steht vor einem neuen Kalten Krieg, wenn nicht Schlimmerem.
Warum? Weil sich die russische Großmacht herausnimmt, in
bewusster Kopie haargenau dasselbe zu tun, was die USA und ihr Anhang
im Westen als ihr gutes Recht betrachten. Jeder weiß es, in allen
Zeitungen steht es geschrieben: Das ist die russische Antwort auf die
Abspaltung und Anerkennung des Kosovo als selbständigen Staat
durch Nato und EU. Die Nato hat den souveränen Staat Serbien, der
keinen auswärtigen Staat angegriffen hat, im Frühjahr 1999
bombardiert und zur Aufgabe seiner Provinz Kosovo gezwungen. Die
Nato-Staaten haben den Separatismus der Kosovaren belohnt, den neuen
Kleinstaat aus der Taufe gehoben und mit ihrem Militär
abgesichert. Das war keine Verletzung der territorialen Integrität
Serbiens, kein Akt der Aggression, sondern ein Schutz des heiligen
Selbstbestimmungsrechts der Völker, eine Wohltat für die
Menschheit, die Völkermord und ethnische Säuberung verhindert
hat. Jetzt tritt Russland als Garantiemacht eines brüchigen
Friedens in abtrünnigen Provinzen Georgiens auf. Es schlägt
einen von niemand bestrittenen Angriff des georgischen
Wiedervereinigers Saakaschwili auf Südossetien zurück,
anerkennt die abtrünnige Provinz sowie Abchasien als
selbständige Staaten und beschützt sie. Das gilt der Welt als
klarer Fall von Aggression und Völkerrechtsbruch. Man traut seinen
Ohren nicht: US-Präsident Bush, der gerade im Nahen Osten weit von
den amerikanischen Grenzen entfernt zwei blutige Kriege führt,
belehrt den russischen Präsidenten darüber, dass Gewalt im
21. Jahrhundert kein Mittel der Außenpolitik mehr sein kann. Was
dem Ami in der ganzen Welt erlaubt ist, steht dem Russen auch an seinen
Landesgrenzen nicht zu.
Der Irrsinn stellt jedenfalls eines klar: Das Völkerrecht ist
nichts, was Großmächte bindet und verpflichtet, nichts auf
das deren Kritiker plädieren könnten oder hoffen sollten.
Alle Staaten, die es sich leisten können, verfolgen mit
militärischer Gewalt ihre Interessen; sie gehorchen keinem
Völkerrecht, sondern definieren es – und verlangen von anderen
Staaten, diese Definitionen als gültiges Völkerrecht zu
respektieren. Wenn umgekehrt große Staaten
Völkerrechtsverstöße anderer anklagen, dann nicht, weil
gegen Maßstäbe verstoßen worden ist, sondern gegen
Interessen, die sie ins Völkerrecht einkleiden und vor denen sie
damit Respekt verlangen.
Statt übers verletzte Völkerrecht zu klagen, hat man sich
daher mit den international entscheidenden Interessen zu befassen. Was
ist das für eine Sorte friedlicher Kooperation mit dem
kapitalistisch gewendeten Russland, die dessen Energiereserven
aufkauft, dessen Wirtschaft für europäischen Kapitalexport
nutzt – und so nebenher immer mehr Anrainerstaaten in die Nato
aufnimmt, mit antirussischen Sicherheitsgarantien ausstattet und
darüber hinaus Abfangraketen-Systeme gegen die russische Atomwaffe
in Stellung bringt? Die EU-Größen möchten mit Russland
konstruktive Beziehungen haben, aber nur, wenn es sich an seiner
militärischen Einkreisung nicht stört. Kann es sein, dass der
schöne Weltfrieden, wie "WIR" ihn verstehen, nur bestehen kann,
wenn Russland schwach und erpressbar ist von einer starken,
selbstverständlich zu keiner Konzession genötigten EU mit USA
und Nato im Rücken bzw. von den übermächtigen USA mit EU
und Nato?