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GegenStandpunkt

    Die Zeitschrift GEGENSTANDPUNKT bietet, vierteljährlich, marxistische Theorie.

    Nein, zeitgemäß ist das nicht. Aber was heißt das schon? Wenn Leute, die bisher schon nichts vom Marxismus wissen wollten, jetzt außerdem noch sicher sind, daß sie damit im Trend liegen: Sollen Marxisten sich davon beeindrucken lassen und auch lieber andere, modischere Gedanken fassen? Wenn ein linker Anstrich kein Publikumsinteresse mehr weckt; wenn weltweit ein anderer Wind weht, in den Gelegenheitsdenker ihr Mäntelchen hängen: Macht das den Kapitalismus über jede Kritik erhaben? Sollen seine Gegner den Mund halten und sich schleunigst bekehren, ausgerechnet weil die Chefs gewisser Staaten im Osten, die den Kommunismus auf eine idealistische Phrase heruntergebracht und ihre Überzeugungsarbeit mit dem Staatssicherheitsdienst betrieben haben, jetzt den Fortschritt von der Volksdemokratie zur Demokratie und vom planerisch verbesserten Kapitalismus zum richtigen geschafft haben? Warum sollten Kritiker des siegreichen Systems überhaupt einer "Zeit" "gemäß" sein, die sie nach Strich und Faden für verkehrt und schädlichnhalten? Da schreiben sie die Argumente, die sie gegen diese "Zeit" auf Lager haben, doch lieber ordentlich auf.

    Nein, besonders erlaubt ist das nicht. Der freiheitliche Rechtsstaat läßt auf den höheren Zweck seiner Gewalt und auf die Marktwirtschaft, der er damit dient, nichts kommen. Sein Argument gegen Kritik ist der Verfassungsschutz, der stets von neuem festlegt, ab wann die Verbreitung abweichender Meinungen zu weit geht. Dann geht er gegen diejenigen, die so etwas verteten, vor; mit Berufsverboten z.B., offiziellen und solchen, die bei seinem realsozialisitischen Bruder, der Stasi, "Zersetzungskampagne" geheißen hätten. Er gewinnt leicht, solange radikale Kritik keinen Anklang findet bei den leuten, von deren Dienst und Fügsamkeit auch der bürgerliche Staat und das Kapital in seiner Pracht abhängen. Zumal da ja auch noch eine Öffentlichkeit auf der Wacht steht, die im Totschweigen wie im Denunzieren unschlagbar ist. Aber sollen deswegen die Kritiker des Kapitalismus, der bürgerlichen Staatsgewalt und ihrer imperialistischen Umtriebe gleich von selber vollends den Mund halten? Und nur noch leicht verständlichen Unsinn lesen?

Editorial GEGENSTANDPUNKT 1-92
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    Nach dem schmählichen Ende des realen Sozialismus sehen es auch die kritischen Geister der Nation freiwillig ein: Das System des Westens ist doch unschlagbar – ökonomisch allen Alternativen überlegen, freiheitsmäßig überhaupt einzigartig, im Großen und Ganzen friedfertig; kritikabel höchstens darin, daß es noch nicht genug für die weltweite Durchsetzung so vorbildlicher Verhältnisse tut... Eine kleine Voraussetzung schließt dieses Kompliment an den real existierenden Weltkapitalismus freilich schon ein; sie betrifft den Standpunkt der Begutachtung. Ihre Vorzüge zeigt die mustergültige westliche Gesellschaftsordnung nämlich nur dann so richtig, wenn man gar keine anderen Interessen kennt als diejenigen, die darin die bestimmenden sind; wenn man sich gar keine anderen Probleme macht als diejenigen, die dort entstehen und vom Staat, der keineswegs zufällig ein Gewaltwaltapparat ist, betreut werden; wenn man gar keine anderen Erfolgs gesichtspunkte gelten läßt als diejenigen, die in der Welt des Geschäfts und der staatlichen Gewalt eben herrschen; wenn man also, umgekehrt, für die Massen auf dem Globus gar keinen anderen Beruf in Betracht zieht als denjenigen, die nützliche Manövriermasse der Weltwirtschaft und der für ihr Funktionieren zuständigen Gewalten – oder aber zuviel zu sein. Einen Reichtum produzieren, von dem eine kleine radikale Minderheit enorm viel hat; die große Mehrheit der Leute unter Lebensverhältnisse setzen, in denen sie den Dienst am Eigentum anderer als ihre einzige Lebenschance be- und ergreifen und sich noch darum schlagen, benutzt zu werden: Das kann der demokratische Kapitalismus wirklich erstklassig. Und er kann noch mehr: Intellektuelle ernähren, die sein Funktionieren zur vergleichsweise optimalen „Lösung“ zahlreicher – ökonomischer, ordnungspolitischer, sittlicher und anderer – „Menschheitsprobleme“ verklären. Diese methodische Parteilichkeit beiseite gelassen, fällt einiger Glanz ab vom siegreichen System der Freiheit. Dann erweist sich die Freiheit selbst als fadenscheinige Errungenschaft, weil sie tatsächlich eine Technik der Herrschaft und auf der anderen Seite das billige Selbstbewußtsein der Beherrschten ist. Die demokratische Regierungsart zieht nicht schon deshalb Komplimente auf sich, weil manche Diktatoren brutaler verfahren – etwa so, wie Demokratien es sich für Notstandszeiten vorbehalten. Vom Marktgeschehen gibt es nicht so sehr glanzvolle Versorgungsleistungen zu melden, eher den Zweck der ganzen Sache: das Geld und seine Vermehrung, sowie einige Härten, das Geldverdienen durch Arbeit betreffend. Sogar der Frieden, den die verantwortlichen Weltmächte hüten, sieht weniger idyllisch aus, mehr nach zwischenstaatlichen Gewalt- und Erpressungsverhältnissen, die – ausnehmend demokratisch! – die Völker für ihren Staat auszubaden haben. Und vom weiten Feld origineller Weltanschauungen bleibt nicht viel mehr als eine Masse ebenso wohlmeinender wie verfälschender Umdeutungen des Weltgeschehens übrig, deren Dummheit nicht selten die Schmerzgrenze erreicht. Es liegt also gar nicht an einem besonders extravaganten Standpunkt der Redaktion, daß die politische Vierteljahresschrift des Gegenstandpunkt-Verlags ein paar sehr abweichende Auffassungen und Argumente zu bieten hat. Es geht den Autoren und Redakteuren im Gegenteil gerade nicht darum, die behandelten „Themen der Zeit“ neu, witzig und einmal ganz anders zu sehen. Die Zeitschrift GEGENSTANDPUNKT bemüht sich um Erklärungen; und die laufen, wenn sie richtig sind, allemal auf den Beweis hinaus, daß die wirklichen Verhältnisse ein wenig anders sind, als die amtierenden Fachleute für Wirtschaft, Politik und Moral & Weltanschauung sie sich und ihrem Publikum zurechtlegen. Weil es da viel und dauernd etwas Neues zu erklären und zurechtzurücken gibt, erscheint die Zeitschrift viermal im Jahr, ohne daß eine Marktanalyse das Bedürfnis danach ermittelt hätte.

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